Der kleine Mohr und die Goldprinzessin
von
Richard von Volkmann-Leander

Es war einmal ein armer kleiner Mohr, der war kohlschwarz und nicht einmal ganz echt in der Farbe, so
daß er abfärbte. Abends war sein Hemdkragen stets ganz schwarz, und wenn er seine Mutter anfaßte,
sah man alle fünf Finger am Kleid. Deshalb wollte sie es auch nie leiden, sondern stieß und schuppte
ihn stets fort, wenn er in ihre Nähe kam. Und bei den anderen Leuten ging es ihm noch schlimmer.

Als er vierzehn Jahre alt geworden war, sagten seine Eltern, es sei höchste Zeit, daß er etwas lerne,
womit er sich sein Brot verdienen könne. Da bat er sie, soe sollten ihn in die weite Welt hinausziehn
und Musikant werden lassen; zu etwas anderem sei er doch nicht zu gebrauchen.

Doch sein Vater meinte, das wäre eine brotlose Kunst, und die Mutter wurde gar ganz ärgerlich und
erwiderte weiter nichts als: "Dummes Zeug, du kannst nur etwas Schwarzes werden!"

Endlich kamen sie überein, er passe am besten zum Schornsteinfeger. Also brachten sie ihn zu einem
Meister in die Lehre, und weil sie sich schämten, daß er ein Mohr war, so sagten sie, sie hätten ihn
gleich schwarz gemacht, um zu sehen, wie es ihm stände.

So war nun der kleine Mohr Schornsteinfeger und mußte tagaus, tagein in die Essen kriechen. Und die
Essen waren oft so eng, daß er Angst hatte, er bliebe stecken. Doch er kam stets glücklich wieder auf
dem Dache heraus, obschon es ihm oft so war, als wenn Haut und Haare hängenblieben. Wenn er
dann hoch oben auf dem Schornstein saß, wieder Gottes freie Luft atmete und sich die Schwalben um
den Kopf fliegen ließ, wurde ihm die Brust so weit, als sollte sie ihm zerspringen. Dann schwenkte er
den Besen und rief so laut Ho-i-do! Ho-i-do! wie's die Schornsteinfeger zu tun pflegen, daß die Leute
auf der Straße stehenblieben und sprachen: "Seht einmal den schwarzen Knirps, was der für eine
Stimme hat!"

Als er ausgelernt hatte, befahl ihm der Meister, er solle in seine Kammer gehen und sich waschen und
ganz fein und nobl anziehen. Er wolle ihn freisprechen, dann wäre er Geselle.

Da überkam den armen kleinen Mohr eine Todesangst, denn er sagte sich: "Nun wird alles
herauskommen!" Und das geschah auch; denn als er in seinem besten Staate wieder in die
Meisterstube eintrat, wo schon Lehrlinge und Gesellen sich versammelt hatten, war er immer noch sehr
schwarz, wenn auch hier und da etwas Helles durchschimmerte, wo er sich das Schwarze in den Essen
abgescheuert hatte. Da merkten alle mit Entsetzen, wie es mit ihm stand. Der Meister erklärte, Geselle
könne er nun nicht werden, denn er sei ja nicht einmal ein ordentlicher Christenmensch; die
Lehrjungen aber fielen über ihn her, zogen ihm die Kleider aus und trugen ihn in den Hof. Dort legten
sie ihn trotz alles Sträubens unter die Plumpe, plumpten wacker darauf und rieben ihn mit Strohwisch
und Sand, bis ihnen die Armre lahm wurden. Als sie endlich gewahr wurden, daß trotz aller Mühe gar
wenig abging, stießen sie ihn unter Scheltworten zur Hoftüre hinaus.

Da stand er nun mitten auf der Straße, hilflos und wie ihn der liebe Gott geschaffen, der arme kleine
Mohr, und wußte nicht, was anfangen. Da kam durch Zufall ein Mann vorbei, der besah ihn sich von
oben bis unten, und als er merkte, daß er ein Mohr war, sagte er, er sei ein vornehmer Herr und wolle
ihn in seinen Dienst nehmen. Er solle nichts weiter zu tun bekommen, als hinten auf seinem Wagen
stehen, wenn er mit seiner Frau spazierenführe, damit man gleich sähe, daß vornehme Leute kämen.

Da besann sich der kleine Mohr nicht lange, sondern ging mit, und anfangs ging alles gut. Denn die
Frau des vornehmen Mannes mochte ihn gut leiden, und wenn sie an ihm vorbeiging, streichelte sie ihn
jedesmal. Das war ihm in seinem Leben noch nie begegnet. Eines Tages jedoch, da sie auch wieder
spazierenfuhren und er hintendrauf stand, erhob sich ein furchtbares Unwetter, und der Regen floß in
Strömen. Als sie wieder nach Hause kamen, sah der vornehme Herr, daß es hinten schwarz vom
Wagen herabtröpfelte.

Da fuhr er den kleinen Mohr barsch an, was das heißen solle. Der erschrak heftig, und weil ihm nichts
Besseres einfiel, so antworteteer, die Wolken wären ganz schwarz gewesen, da hätte es gewiß auch
schwarz geregnet.

"Larifari", erwiderte der vornehme Herr, der schon merkte, woran's alg, nahm das Taschentuch, leckte
zum Überfluß am Zipfel und fuhr damit dem kleinen Mohr über die Stirn. Da war der Zipfel schwarz.

"Dacht' ich mir's doch gleich", rief er aus, "du bist ja nicht einmal echt! Das ist eine hübsche
Entdeckung! Such dir einen anderen Dienst. Ich kann dich nicht gebrauchen!"

Da packte der arme kleine Mohr weinend seine Siebensachen zusammen und wollte gehen. Doch die
Frau des vornehmen Mannes rief ihn noch einmal zurück und sagte: es sei recht schade, daß ihr Mann
es gemerkt hätte, denn sie wisse es schon lange. Freilich, ein großes Unglück sei es, ein Mohr zu sein,
und besonders einer, der abfärbe. Doch er solle nicht verzagen, sondern brav und gut bleiben, dann
würde [er] mit der Zeit noch ebenso weiß werden wie die andern Menschen. Darauf schenkte sie ihm
eine Geige und einen Spiegel, in dem solle er sich jede Woche einmal besehen.

So zog denn der kleine Mohr in die Welt hinaus und wurde Musikant. Einen Meister, der ihm vorspielte,
hatte er freilich nicht. Doch er horchte auf das, was die Vögel sangen und was die Büsche und Bäche
rauschten, und spielte es ihnen nach. Nachher ward er inne, daß die Blumen im Walde und die Sterne
in der dunkeln Mitternacht auch ihre besondere Musik machten, wenn auch eine ganz stille, die nicht
jedermann hörte. Das war schon viel schwerer nachzuspielen. Doch das Schwerste lernte er zu
allerletzt: so zu spielen, wie die Menschenherzen pochen. Er war wohl schon sehr viel die Kreuz und die
Quer umhergewandert und hatte vielerlei erlebt, ehe er das lernte.

Und es ging ihm auf seiner Wanderschaft zuweilen gut, meistenteils aber schlecht. Wenn er abends in
der Dunkelheit vor irgendeinem Hause haltmachte, ein schönes Lied spielte und um Herberge für die
Nacht bat, ließen ihn die Leute wohl ein. Sahen sie aber am andern Morgen, wie schwarz er war und
daß man nicht gut tat, sich mit ihm einzulassen, weil er abfärbte, so regnete es spitze Redensarten
oder wohl gar Püffe. Deshalb verlor er aber den Mut nicht, sondern dachte an das, was die Frau des
vornehmen Mannes zu ihm gesagt hatte, und fiedelte sich weiter von Stadt zu Stadt und von Land zu
Land. Jeden Sonntag zog er den Spiegel hervor und sah nach, wieviel abgegangen war. Viel war's
freilich nicht von einem Sonntag zum andern, denn es saß sehr fest, aber doch etwas: und als er fünf
Jahre gewandert war, sah man überall die Grundfarbe durchschimmern. Gleichzeitig war er ein solcher
Meister auf der Geige geworden, daß, wo er hinkam, jung und alt zusammenströmte, um ihm
zuzuhören. -

Eines Tages kam er in eine wildfremde Stadt, in der herrschte eine goldene Prinzessin; die hatte Haare
von Gold und ein Gesicht von Gold und Hände und Füße von Gold. Sie aß mit einem goldenen Messer
und einer goldenen Gabel von einem goldenen Teller, trank goldenen Wein und hatte goldene Kleider
an. Kurz alles war golden, was an ihr und um sie war. Im übrigen war sie jedoch über die Maßen stolz
und hochmütig, und obschon es ihre Untertanen wünschten, daß sie sich einen Prinzen zum Mann
nähme, weil sie meinten, Weiberregiment tauge nichts auf die Dauer, war ihr doch keiner schön und
vornehm genug.

Jeden Morgen ließen sich etwa sechs Prinzen als Freier bei ihr melden, die abends zuvor mit der Post
angekommen waren. Denn weit und breit sprach man von nichts als von der Goldprinzessin und von
ihrer Schönheit.

Die sechs Prinzen mußten sich dann der Reihe nach vor ihrem Throne aufstellen, und sie besah sich
dieselben von allen Seiten. Zuletzt rümpfte sie jedoch jedesmal die Nase und sagte:

"Der erste ist budlich,
Der zweite ist schmudlich,
Der dritt' hat kein Haar,
Der viert' ist nicht gar,
Der fünft' ist perplex
Und miesrig der sechst'!
 Die Kur ist aus.
Jagt mir alle sechse zur Stadt hinaus!"

Alsbald erschienen zwölf riesige Heiducken mit mannslangen Birkenreisern und trieben die ganze
Gesellschaft zur Stadt hinaus. So ging es schon seit Jahren alle Tage. -

Als der kleine Mohr vernahm, wie wunderschön die Prinzessin war, konnte er an weiter gar nichts
denken. Er ging nach ihrem Palaste, setzte sich auf die Treppenstufen, nahm die Geige zur Hand und
fing an, sein bestes Lied zu spielen. Vielleicht sieht sie zum Fenster heraus, dachte er, dann bekommst
du sie zu sehen.

Es währte nicht lange, so befahl die Goldprinzessin ihren drei Kammermädchen nachzusehen, wer
draußen so schön spiele. Da brachten sie die Nachricht, es wäre ein Mensch, der habe eine so
absonderliche Gesichtsfarbe, wie sie dergleichen noch nie gesehen. Und die eine behauptete, er sei
mausgrau; die zweite, er sei hechtgrau, und die dritte gar, er wäre eselsgrau.

Darauf meinte jene, das müsse sie selber sehen, sie sollten den Menschen heraufholen.

Da gingen die Kammermädchen abermals hinunter und führten ihn herauf, und als er die Prinzessin
erblickte, die wirklich über und über von Gold war und wie die Sonne glänzte, war er erst so geblendet,
daß er die Augen zumachen mußte. Als er sich aber ein Herz faßte und die Prinzessin ordentlich ansah,
da wußte er sich nicht weiter zu helfen; er warf sich vor ihr auf die Knie nieder und sagte:

"Allerschönste Goldprinzessin! Ihr seid so schön, wie Ihr es gar nicht wißt! Und wenn Ihr es wißt, so
seid Ihr noch hunderttausendmal schöner. Ich bin ein kleiner Mohr, der immer weißer wird; und das
Lied, das ich gespielt habe, ist noch lange nicht mein allerschönstes. Einen Mann müßt Ihr durchaus
haben; und wenn Ihr mich heiraten wollt, werde ich so vergnügt, daß ich mit gleichen Beinen über den
Tisch springen will!"

Als die Prinzessin dies hörte, machte sie zuerst ein Gesicht wie die Gänse, wenn's wetterleuchtet, denn
übermäßig klug war sie gerade nicht, trotz aller ihrer Schönheit, und dann fing sie so laut zu lachen an,
daß sie sich die Hüften mit den Händen halten mußte. Und die drei Kammermädchen meinten, sie
müßten auch mitlachen, und auf einmal traten noch die zwölf Heiducken herein, und wie sie sahen, wer
vor der Goldprinzessin kniete, schlugen auch sie ein Gelächter auf, daß es durch die ganze Stadt
schallte.

Da befiel den kleinen Mohr ein ungeheurer Schrecken, denn er merkte wohl, daß er etwas Dummes
gesagt hatte. Er nahm seine Geige, riß die Tür auf und sprang mit drei Sätzen die Treppe hinab. Dann
lief er, ohne sich umzusehen, durch die Straße, querfeldein bis in den nächsten Wald. Dort warf er sich
todmüde ins Gras nieder und weinte, als wenn er fortschwimmen wollte. -

Doch endlich ward er wieder ruhig und sagte zu sich selbst: Wenn der Kutscher betrunken ist, gehen
die Pferde durch! Bist du klug oder bist du dumm? Die Goldprinzessin wolltest du heiraten? Ganz
dumm bist du! Da darfst du dich nicht wundern, wenn die Leute dich auslachen.

Damit hing er sich die Geige wieder über den Rücken, pfiff sich eins und wanderte weiter und zog wie
zuvor von Stadt zu Stadt und von Land zu Land. Und von Jahr zu Jahr wurde er immer weißer, und
die Leute gewannen ihn immer lieber, denn die Lieder, die er sich ausdachte, wurden immer schöner,
und kein Mensch konnte sich mit ihm auf der Geige messen. Und als er groß und ein Mann geworden
war, sah er ganz weiß aus, ja selbst weißer und reiner als die meisten andern Leuten. Niemand wollte
glauben, daß er früher ein Mohr gewesen sei.-

Es trug sich zu, daß er auch einmal in einen Flecken kam, wo gerade Jahrmarkt war. Da sah er eine
Bude mit einem roten Vorhang, der war früher einmal neu gewesen, jetzt aber zerlumpt und voller
Flecke. Davor stand ein wüster Gesell mit einer bunten Jacke, der stieß in die Trompete und rief, die
Leute möchten doch eintreten, es wären die größten Wunder der Welt zu sehen: ein Kalb mit zwei
Köpfen, das zweimal fräße und bloß einmal verdaute, ein Schwein, das die Karten legen und wahrsagen
könnte, und die hochberühmte, wunderschöne Goldprinzessin, um die sich alle Männer gerissen hätten.

"Das kann doch nicht deine Goldprinzessin sein?" sagte er, ging jedoch trotzdem hinein.

Da war es ihm, als solle er vor Schreck in die Erde sinken; denn sie war es wirklich. Aber das Gold war
fast überall ab, und er sah, daß sie nur von Blech war.

"Heiliger Gott!" rief er aus, "wie kommst du hierher und wie siehst du aus?"

"Was ist denn?" erwiderte sie, als wenn gar nichts wäre. Nachdem sie sich jedoch überlegt, daß er sie
gewiß schon früher einmal gesehen, wie sie noch ganz golden war, fügte sie zornig hinzu: "Glaubst du
etwa, daß man ewig hält, du alberner Laffe? Zupf dich an deiner eigenen Nase!"

Da hätte er beinahe laut aufgelacht, denn er sah, daß sie ihn nicht erkannt. Doch sie tat ihm viel zu
leid, und so fragte er nur leise, ob sie denn gar nicht wisse, wer er sei. Er wäre der kleine Mohr, den sie
vorzeiten einmal so sehr ausgelacht hätte.

Nun war die Reihe an ihr, ganz still zu werden und sich zu schämen, und unter vielem Schluchzen
erzählte sie, wie erst an ein paar Stellen und dann fast überall das Gold heruntergegangen sei; wie sie
das ihren Untertanen lange verborgen und wie diese es endlich doch gemerkt und sie fortgejagt
hätten. Nun zöge sie auf den Jahrmärkten umher, habe es aber satt, und wenn er noch so dächte wie
früher, wollte sie ihn gern heiraten.

Darauf erwiderte er sehr ernsthaft, er bedaure sie zwar von Herzen, sei aber schon viel zu verständig,
um eine Blechprinzessin zu heiraten. Er hoffe bestimmt, noch einmal eine viel bessere Frau zu
bekommen wie sie. Damit ging er zur Bude hinaus und ließ die Blechprinzessin stehen, die vor Wut
beinahe platzte und ihm, während er ging, fortwährend nachrief: "Mohrenjunge, Mohrenjunge!
kohlschwarzer Mohrenjunge, der abfärbt!" und ähnliches. Doch niemand wußte, wen sie damit meinte,
da er ja längst auch nicht ein Tüpfchen Schwarzes mehr an sich hatte.

Er ging daher sittsam weiter, ohne sich auch nur umzusehen, und war froh, daß er in seinem Leben
nie wieder etwas von der abscheulichen Person erfuhr. Eine Zeitlang setzte er noch sein altes
Wanderleben fort; als er aber fast die ganze Welt gesehen hatte und anfing, des Umherziehens müde
zu werden, da traf es sich, daß der König von seinem Spiel hörte und ihn rufen ließ. Ein Lied nach dem
andern mußte er ihm bis in die späte Mitternacht vorspielen, und zuletzt stieg der König von seinem
Thron, umarmte ihn und fragte, ob er sein bester Freund werden wolle. Als er dies bejahte, ließ ihn der
König in seinem goldenen Wagen durch die Stadt fahren und schenkte ihm ein Haus und so viel Geld,
daß er sein Lebtag daran genug hatte. Und eine Frau bekam er auch. Zwar keine Prinzessin und noch
weniger eine über und über goldene, aber eine Frau, die ein goldenes Herz hatte. Mit der lebte er
vergnügt und hochgeehrt bis an sein spätes Ende.

Die Blechprinzessin aber ward von Tag zu Tag unscheinbarer, und als das letzte bißchen Gold
abgegangen war, wurde sie so viel hin und her geworfen, daß sie lauter Buckel und Dellen bekam.

Zuletzt kam sie zu einem Trödler. Dort steht sie noch heute in der Ecke zwischen allerhand Tand und
Kram und hat Zeit zu bedenken, daß vielerlei abgeht im Leben, Hübsches wie Häßliches, und daß alles
darauf ankommt, was drunter ist.


Quelle: Richard von Volkmann-Leander, Träumereien an französischen Kaminen, Leipzig 1871, Nr. 20