Das kleine bucklige Maedchen
von
Richard von Volkmann-Leande
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Es war einmal eine Frau, die hatte ein einziges Töchterchen, das war sehr klein und blaß und wohl
etwas anders wie andre Kinder. Denn wenn die Frau mit ihm ausging, blieben oft die Leute stehen,
sahen dem Kinde nach und raunten sich etwas zu. Wenn dann das kleine Mädchen seine Mutter
fragte, weshalb die Leute es so sonderbar ansähen, entgegnete die Mutter jedesmal: "Weil du ein so
wunderschönes, neues Kleidchen anhast." Darauf gab sich die Kleine zufrieden. Kamen sie jedoch
nach Hause zurück, so nahm die Mutter ihr Töchterchen auf die Arme, küßte es wieder und immer
wieder und sagte: "Du lieber, süßer Herzensengel, was soll aus dir werden, wenn ich einmal tot bin?
Kein Mensch weiß es, was du für ein lieber Engel bist; nicht einmal dein Vater!"

Nach einiger Zeit wurde die Mutter plötzlich krank, und am neunten Tage starb sie. Da warf sich der
Vater des kleinen Mädchens verzweifelt auf das Totenbett und wollte sich mit seiner Frau begraben
lassen. Seine Freunde jedoch redeten ihm zu und trösteten ihn; da ließ er es, und nach einem Jahre
nahm er sich eine andere Frau, schöner, jünger und reicher als die erste, aber so gut war sie lange
nicht. Und das kleine Mädchen hatte die ganze Zeit, seit seine Mutter gestorben war, jeden Tag von
früh bis Abend in der Stube auf dem Fensterbrett gesessen; denn es fand sich niemand, der mit ihm
ausgehen wollte. Es war noch blässer geworden, und gewachsen war es in dem letzten Jahre gar nicht.

Als nun die neue Mutter ins Haus kam, dachte es: "Jetzt wirst du wieder Spazierengehen, vor die
Stadt, im lustigen Sonnenschein auf den hübschen Wegen, an denen die schönen Sträuche und
Blumen stehen und wo die vielen geputzten Menschen sind." Denn es wohnte in einem kleinen, engen
Gäßchen, in welches die Sonne nur selten hineinschien; und wenn man auf dem Fensterbrette saß,
sah man nur ein Stückchen blauen Himmel, so groß wie ein Taschentuch. Die neue Mutter ging auch
jeden Tag aus, vormittags und nachmittags. Dazu zog sie jedesmal ein wunderschönes buntes Kleid
an, viel schöner, als die alte Mutter je eins besessen hatte. Doch das kleine Mädchen nahm sie nie mit
sich.

Da faßte sich das letztere endlich ein Herz, und eines Tages bat es sie recht inständig, sie möchte es
doch mitnehmen. Allein die neue Mutter schlug es ihr rund ab, indem sie sagte: "Du bist wohl nicht
recht gescheit! Was sollen wohl die Leute denken, wenn ich mich mit dir sehen lasse? Du bist ja ganz
bucklig. Bucklige Kinder gehen nie spazieren, die bleiben immer zu Hause."

Darauf wurde das kleine Mädchen ganz still, und sobald die neue Mutter das Haus verlassen, stellte es
sich auf einen Stuhl und besah sich im Spiegel; und wirklich, es war bucklig, sehr bucklig! Da setzte es
sich wieder auf sein Fensterbrett und sah hinab auf die Straße und dachte an seine gute alte Mutter,
die es doch jeden Tag mitgenommen hatte. Dann dachte es wieder an seinen Buckel:

"Was nur da drin ist?" sagte es zu sich selbst, "es muß doch etwas in so einem Buckel drin sein."

Und der Sommer verging, und als der Winter kam, war das kleine Mädchen noch blässer und so
schwach geworden, daß es sich gar nicht mehr auf das Fensterbrett setzen konnte, sondern stets im
Bett liegen mußte. Und als die Schneeglöckchen ihre ersten grünen Spitzchen aus der Erde
hervorstreckten, kam eines Nachts die alte, gute Mutter zu ihm und erzählte ihm, wie golden und
herrlich es im Himmel aussähe.

Am andern Morgen war das kleine Mädchen tot.

"Weine nicht, Mann!" sagte die neue Mutter; "es ist für das arme Kind so am besten!" Und der Mann
erwiderte kein Wort, sondern nickte stumm mit dem Kopfe. Als nun das kleine Mädchen begraben
war, kam ein Engel mit großen, weißen Schwanenflügeln vom Himmel herabgeflogen, setzte sich
neben das Grab und klopfte daran, als wenn es eine Türe wäre. Alsbald kam das kleine Mädchen aus
dem Grabe hervor, und der Engel erzählte ihm, er sei gekommen, um es zu seiner Mutter in den
Himmel zu holen. Da fragte das kleine Mädchen schüchtern, ob denn bucklige Kinder auch in den
Himmel kämen. Es könne sich das gar nicht vorstellen, weil es doch im Himmel so schön und vornehm
wäre.

Jedoch der Engel erwiderte: "Du gutes, liebes Kind, du bist ja gar nicht mehr bucklig!" und berührte
ihm den Rücken mit seiner weißen Hand. Da fiel der alte garstige Buckel ab wie eine große hohle
Schale. Und was war darin?

Zwei herrliche, weiße Engelflügel! Die spannte es aus, als wenn es schon immer fliegen gekonnt hätte,
und flog mit dem Engel durch den blitzenden Sonnenschein in den blauen Himmel hinauf. Auf dem
höchsten Platze im Himmel aber saß seine gute, alte Mutter und breitete ihm die Arme entgegen. Der
flog es gerade auf den Schoß.

*) Das Motiv zu diesem Märchen rührt nicht von mir her. Ich kenne es wohl schon seit meiner
Kinderzeit, doch weiß ich nicht, wo es herstammt.

Quelle: Richard von Volkmann-Leander, Träumereien an französischen Kaminen, Leipzig 1871, Nr. 17