Der Kirchhof, auf dem die zwei kleinen Kinder spielten, von denen ich heute
erzählen will, lag hoch oben auf dem grünen Bergeshange. Das Dörfchen, zu
dem er gehörte, lag schon hoch genug über dem waldigen Tal, so daß die
Wolken es oft verdeckten, wenn man unten auf dem blauen Flusse
vorüberfuhr. Doch der Kirchhof lag noch höher über dem Dorf, so daß seine
vielen schwarzen Kreuze recht in den blauen Himmel hineinragten. Es war
ziemlich mühsam für die Leute, ihre Verstorbenen aus dem Dorfe nach dem
Kirchhof zu tragen, denn der Weg war steil und steinig, bis man zu der
grünen Matte kam, auf der der Kirchhof lag; doch sie taten es gern. Denn
die Bergbewohner können es nicht im Tal aushalten; da wird es ihnen so
dumpf und ängstlich zumut, wie uns in einem tiefen Keller - und ihre Toten
noch weniger. Hoch oben auf dem Berge müssen sie begraben sein, so daß
sie weit hinaus in das Land sehen können und hinunter ins Tal, wo die
Schiffe fahren.

Ganz in der Ecke des Kirchhofes war ein verlassenes Grab. Es wuchs nur
Gras auf ihm und in dem Grase ganz versteckt ein paar wilde weiße oder
blaue Blümchen, die niemand gepflanzt hatte. Denn in dem Grabe lag ein
alter Hagestolz, der weder Weib noch Kind noch sonst irgend jemand
hinterlassen hatte, der sich um ihn bekümmerte. Aus fremdem Lande war er
gekommen, woher, das wußte keiner. Er war jeden Morgen auf die Kuppe
des Berges gestiegen und hatte dort stundenlang gesessen. Aber bald war
er gestorben, und man hatte ihn begraben. Einen Namen hatte er ja sicher
gehabt; wie er aber lautete, wußte ebenfalls niemand, nicht einmal der
Totengräber. Im Kirchenbuche standen nur drei Kreuze und dahinter "ein
alter fremder Hagestolz, gestorben am soundsovielten, im Jahre des Herrn
soundso". -

Das ist nun freilich sehr wenig; aber die zwei kleinen Kinder des
Totengräbers, von denen ich eben erzählen wollte, hatten das alte,
verlassene Grab in der Kirchhofsecke ganz besonders gern; denn es war
ihnen erlaubt, auf ihm zu spielen und herumzutrampeln, soviel sie Lust
hatten, während sie die anderen Gräber nicht anrühren durften. Diese waren
alle sehr sorgfältig imstand gehalten; das Gras war frisch geschoren und
dicht wie Samt, auch blühten allerhand Blumen auf ihnen, die der
Totengräber täglich mit großer Sorgfalt begoß, wozu er sich das Wasser
mühsam aus dem Dorfbrunnen heraufschleppen mußte. Auf vielen lagen
auch Kränze und bunte Bänder.

"Trinchen", sagte der kleine Knabe, der vor dem verlassenen Grabe kniete,
indem er sich wohlgefällig das Loch besah, welches er in die Seitenwand des
Grabes mit seinen kleinen Händen hineingegraben hatte, "Trinchen, unser
Haus ist fertig. Ich habe es mit bunten Steinen ausgepflastert und
Blumenblätter darauf gestreut. Ich bin der Vater und du bist die Mutter. -
Guten Morgen, Mutter, was machen unsre Kinder?"

"Hans", entgegnete die Kleine, "du mußt nicht so rasch spielen. Ich habe
noch keine Kinder, aber ich werde gleich welche bekommen." Darauf lief sie
zwischen den Gräbern und Büschen umher und kam, beide Hände mit
Schnecken gefüllt, wieder:

"Höre, Vater, ich habe schon sieben Kinder, sieben wunderschöne
Schneckenkinder!"

"Dann wollen wir sie gleich zu Bett bringen, denn es ist schon spät."

Sie pflückten grüne Blätter ab, legten sie in das Loch, die bunten
Schneckenhäuser darauf, und deckten jedes wieder mit einem grünen Blatte
zu.

"Jetzt sei einmal still, Hänschen", rief das kleine Mädchen, "ich muß meine
Kinder einsingen; das muß ich ganz allein machen. Der Vater singt nie mit.
Du kannst unterdessen noch auf die Arbeit gehen."

Und Hänschen lief fort, und Trinchen sang mit ganz feiner Stimme:

"Schlaft mir allzusammen ein,
Meine sieben Kinderlein
In euren weichen Betten.
Schlummert süß und schlafet aus,
Steckt mir keins die Beinchen raus
Unter eurer Decke!"


Aber das eine Blatt begann sich zu bewegen, und eine von den Schnecken
steckte unter demselben ihren Kopf mit den feinen Hörnern hervor. Da
tippte die Kleine sie mit dem Finger auf den Kopf und sagte: "Warte, Gustl,
du bist immer die Unartigste! Heute früh hast du dich schon nicht wollen
kämmen lassen. Willst du gleich wieder ins Bett!" Und sie sang noch einmal:

"Schlummert süß und schlafet aus,
Steckt mir keins die Beinchen raus
Unter eurer Decke!


Seid ihr dann geschlafen ein,
Fliegt ein Engel ins Zimmer rein,
Besieht sich alle sieben:
Deine Kinder sind alle weiß und rot,
Ein' schönen Gruß vom lieben Gott,
Ob sie auch fromm geblieben?


Meine Kinder sind alle fromm,
Sie woll'n gern in den Himmel komm'n,
Schön Dank für Milch und Wecken.
Bring wieder einen Gruß nach Haus:
Es stecke auch keins die Beinchen raus
Mehr unter seiner Decke."


Als sie ausgesungen hatte, waren die sieben Schnecken wirklich alle
eingeschlafen, wenigstens lagen sie alle still, und da Hänschen immer noch
nicht zurückkehrte, lief die Kleine noch einmal im Kirchhof umher und suchte
neue Schnecken. Sie sammelte eine große Zahl in ihrer Schürze und kehrte
mit ihnen zum Grabe zurück. Da saß Hänschen und wartete.

"Vater", rief sie ihm entgegen, "ich habe noch hundert Kinder gekriegt!"

"Höre Frau", erwiderte der Kleine, "hundert Kinder sind sehr viel. Wir haben
bloß einen Puppenteller und zwei Puppengabeln. Womit sollen die Kinder
essen? Hundert Kinder hat auch gar keine Mutter. Es gint auch nicht
hundert Namen. Wie sollen wir unsere Kinder taufen? Trag sie wieder fort!"

"Nein, Hänschen", sagte das kleine Mädchen, "hundert Kinder sind sehr
hübsch. Ich brauche sie alle." -

Indes kam die junge Frau des Totengräbers mit zwei großen Butterbroten,
denn die Vesperstunde hatte geschlagen. Sie küßte die beiden Kinder, hob
sie auf, setzte sie auf das Grab und sagte: "nehmt eure neuen Schürzen
hübsch in acht." - Da saßen sie nun stumm wie die Spatzen und aßen. -

Aber der alte Hagestolz in seinem einsamen Grabe hatte alles vernommen;
denn die Toten hören alles sehr genau, was man an ihrem Grabe spricht. Er
dachte an die Zeit, wo er noch ein kleiner Knabe gewesen war. Da hatte er
auch ein kleines Mädchen gekannt, und sie hatten zusammen gespielt,
hatten Häuser gebaut und waren Mann und Frau gewesen. Und dann dachte
er an die spätere Zeit, wo er das kleine Mädchen noch einmal gesehen hatte,
wie es schon erwachsen war. Nachher hatte er nie wieder etwas von ihm
gehört, denn er war seine eigenen Wege gegangen, und die mußten wohl
nicht sehr schön gewesen sein, denn je mehr er daran dachte, und je mehr
oben auf seinem Grabe die Kinder schwatzten, um so trauriger wurde er. Er
fing an zu weinen und weinte immer mehr. Und als die Totengräberfrau die
Kinder auf sein Grab setzte und sie ihm nun gerade auf der Brust saßen,
weinte er noch viel mehr. er versuchte seine Arme auszustrecken, denn es
war ihm so, als müsse er die Kinder an sein Herz drücken. Aber es ging
nicht; denn auf ihm lagen sechs Fuß Erde, und sechs Fuß Erde wiegen
schwer, sehr schwer. Da weinte er noch mehr; und er weinte immer noch,
als die Totengräberfrau längst die Kinder geholt und zu Bett gebracht hatte.

Als aber der Totengräber am nächsten Morgen durch den Kirchhof ging, da
war aus dem alten verlassenen Grabe eine Quelle entsprungen. Das waren
die Tränen, die der alte Hagestolz geweint hatte. Sie rieselte hell aus dem
Grabhügel hervor und kam gerade aus dem Loche, wo die beiden Kinder ihr
kleines Häuschen hineingegraben hatten. Da freute sich der Totengräber,
denn nun brauchte er das Wasser zum Begießen der Blumen nicht mehr aus
dem Dorfe den steilen Weg hinaufzutragen. Er machte für die Quelle eine
ordentliche Leitung und faßte sie mit großen Steinen ein. Von jetzt an
begoß er mit dem Wasser der neuen Quelle alle Gräber auf dem Kirchhofe,
und die Blumen auf ihnen blühten nun schöner wie je zuvor. Nur das Grab,
worin der alte Hagestolz lag, begoß er nicht, denn es war ja ein altes,
verlassenes Grab, nach dem niemand fragte. Trotzdem wuchsen aber auf
ihm die wilden Bergblumen üppiger wie an jedem anderen Orte, und die
beiden Kinder saßen oft an der Quelle, bauten Mühlen und ließen
Papierkähnchen auf ihr schwimmen.

Quelle: Richard von Volkmann-Leander, Träumereien an französischen Kaminen, Leipzig 1871,
Nr. 9
Eine Kindergeschichte
von
Richard von Volkmann-Leander