Von der Koenigin, die keine Pfeffernuesse backen, und dem
Koenig, der nicht das Brummeisen spielen konnte

von

Richard von Volkmann-Leande
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Der König von Makronien, der sich schon seit einiger Zeit gerade in seinen besten
Jahren befand, war eben aufgestanden und saß unangezogen auf dem Stuhl
neben dem Bett. Vor ihm stand sein Hausminister und hielt ihm die Strümpfe hin,
von denen der eine ein großes Loch an der Ferse hatte. Aber obwohl er den
Strumpf mit großer Sorgfalt so gedreht hatte, daß der König das Loch nicht
merken sollte, und obschon der König sonst mehr auf hübsche Stiefel als auf
ganze Strümpfe zu achten pfelgte, war das Loch dem königlichen Scharfblicke
diesmal doch nicht entgangen. Entsetzt nahm er dem Minister den Strumpf aus
der Hand, fuhr mit dem Zeigefinger durch das Loch, so daß er bis zum Knöchel
herausguckte, und sagte dann seufzend:

"Was hilft mit's, daß ich König bin, wenn ich keine Königin habe! Was meinst du,
wenn ich mir eine Frau nähme?"

"Majestät", antwortete der Minister, "das ist ein sublimer Gedanke; ein Gedanke,
der gewiß auch mir ganz untertänigt aufgestiegen wäre, wenn ich nicht gefühlt
hätte, daß ihn Ew. Majestät jedenfalls heute selbst noch zu äußern geruhen
würden!"

"Schön!" erwiderte der König, "aber glaubst du, daß ich so leicht eine Frau finden
werde, die für mich paßt?"

"Pah!" sagte der Minister. "Zehn für eine!"

"Vergiß nicht, daß ich große Ansprüche mache. Wenn mir eine Prinzessin gefallen
soll, muß sie klug und schön sein! Und dann ist noch ein Punkt, auf den ich ganz
besonderes Gewicht lege: du weißt, wie gern ich Pfeffernüsse esse. In meinem
ganzen Reiche ist kein einziger Mensch, der sie zu backen versteht, wenigstens
richtig zu backen, nicht zu hart und nicht zu weich, sondern gerade knusprig: sie
muß durchaus Pfeffernüsse backen können!"

Als der Minister dies hörte, bekam er einen heftigen Schreck. Doch sammelte er
sich rasch wieder und entgegnete: "Ein König wie Ew. Majestät werden ohne
Zweifel auch eine Prinzessin finden, die Pfeffernüsse zu backen versteht."

"Nun, dann wollen wir uns zusammen umsehen!" versetzte der König; und noch
am demselben Tage begann er in Begleitung des Ministers die Rundreise zu
denjenigen seiner verschiedenen Nachbarn, von denen er wußte, daß sie
Prinzessinnen zu vergeben hatten. Aber es fanden sich nur drei Prinzessinnen, die
gleichzeitig so schön und klug waren, daß sie dem König gefielen, und von diesen
konnte keine Pfeffernüsse backen.

"Pfeffernüsse kann ich freilich nicht backen", sagte die erste Prinzessin, als der
König sie danach fragte, "aber hübsche kleine Mandelkuchen. Bist du damit nicht
zufrieden?" - "Nein!" erwiderte der König, "es müssen partout Pfeffernüsse sein!"

Die zweite Prinzessin, als er die nämliche Frage an sie richtete, schnalzte mit der
Zunge und sagte ärgerlich: "Laßt mich mit Euren Albernheiten zufrieden!
Prinzessinnen, welche Pfeffernüsse nacken können, gibt es nicht."

Am schlimmsten aber ging es dem König bei der dritten, obwohl sie die schönste
und klügste war. Denn sie ließ ihn gar nicht bis zu seiner Frage kommen, sondern
ehe er sie noch hatte tun können, fragte sie selbst, ob er auch wohl das
Brummeisen zu spielen verstünde? Und als er dies verneinte, gab sie ihm einen
Korb und meinte, es tue ihr herzlich leid. Er gefalle ihr sonst ganz gut; aber sie
höre das Brummeisen für ihr Leben gern und habe sich vorgenommen, keinen
Mann zu nehmen, der es nicht spielen könne.

Da fuhr der König mit dem Minister wieder nach Haus, und als er aus dem Wagen
stieg, sagte er recht niedergeschlagen: "Das wäre also nichts gewesen!"

Aber ein König muß durchaus eine Königin haben, und nach längerer Zeit ließ er
daher den Minister noch einmal zu sich kommen und eröffnete ihm, er habe es
aufgegeben, eine Frau zu finden, die Pfeffernüsse backen könne, und
beschlossen, die Prinzessin zu heiraten, welche sie damals zuerst besucht hätten.
"Es ist die, welche die kleinen Mandelkuchen zu backen versteht", fügte er hinzu.
"Gehe hin und frage, ob sie meine Frau werden will."

Am nächsten Tag kam der Minister zurück und erzählte, daß die Prinzessin nicht
mehr zu haben sei. Sie hätte den König aus dem Lande, wo die Kapern wachsen,
geheiratet.

"Nun, dann gehe zur zweiten Prinzessin!" Allein der Minister kam auch dieses Mal
wieder unverichteterdinge zu Hause: Der alte König habe gesagt, er bedaure
unendlich, aber seine Tochter sei leider gestorben, und so könne er sie ihm nicht
geben.

Da besann sich der König lange; weil er aber durchaus eine Königin haben wollte,
so befahl er dem Minister, er solle doch auch noch einmal zur dritten Prinzessin
gehen, vielleicht habe sie sich inzwischen anders besonnen. Und der Minister
mußte gehorchen, obgleich er sehr wenig Lust verspürte ud obschon ihm auch
seine Frau sagte, daß es gewiß recht unnütz wäre. Der König aber wartete
ängstlich auf seine Rückkunft. Denn er gedachte der Frage wegen des
Brummeisens, und die Erinnerung daran war ihm ärgerlich.

Die dritte Prinzessin jedoch empfing den Minister sehr freundlich und sagte zu
ihm, eigentlich hätte sie sich ganz bestimmt vorgenommen, nur einen Mann zu
nehmen, der das Brummeisen zu spielen verstünde. Aber Träume seien Schäume,
und besonders Jugendträume! Sie sähe ein, daß sich ihr Wunsch nicht erfüllen
ließe, und da der König ihr sonst sehr gut gefalle, so wolle sie ihn schon zum
Manne nehmen.

Da fuhr der Minister zurück, was die Pferde jagen wollten, und der König umarmte
ihn und gab ihm den großen Schranzenorden mit Brettern, den Orden am Hals
und die Bretter noch höher zu tragen. Bunte Fahnen wurden in der Stadt
ausgehangen, Girlanden von einem Haus zum andern quer über die Straßen
gezogen und die Hochzeit so herrlich gefeiert, daß die Leute vierzehn Tage von
weiter nichts sprachen.

Der König und die junge Königin aber lebten in Lust und Freude ein ganzes Jahr
lang. Der König hatte die Pfeffernüsse und die Königin das Brummeisen gänzlich
vergessen.

Eines Tages jedoch stand der König früh mit dem falschen Beine zuerst aus dem
Bette auf, und alles ging verkehrt. Es regnete den ganzen Tag; der Reichsapfel
fiel hin, und das kleine Kreuz, das oben drauf ist, brach ab; dann kam der
Hofmaler und brachte die neue Karte vom Königreiche, und als der König sie
besah, war das Land rot angestrichen statt blau, wie er befohlen; und endlich, die
Königin hatte Kopfschmerzen.

Da geschah es, daß das Ehepaar sich zum ersten Male zankte; warum, wußten sie
am nächsten Morgen selbst nicht mehr, oder wenn sie es wußten, wollten sie es
wenigstens nicht sagen. Kurz, der König war brummig und die Königin
schnippisch und behielt stets das letzte Wort. Nachdem sie sich beide lange Zeit
hin und her gestritten, zuckte die Königin endlich verächtlich mit den Achseln und
sagte:

"Ich dächte, du wärest nun endlich still und hörtest auf, alles zu tadeln, was dir
vor die Augen kommt! Du selbst kannst ja nicht einmal das Brummeisen spielen."

Aber kaum war ihr dies entschlüpft, als der König ihr schon ins Wort fiel und
giftig antwortete: "Und du kannst nicht einmal Pfeffernüsse backen!"

Da blieb die Königin zum ersten Male die Antwort schuldig und wurde ganz still,
und beide gingen, ohne weiter ein Wort zu wechseln, auseinander, jedes in seine
Stube. Hier setzte sich die Königin in die Sofaecke und weinte und dachte: Was
du doch für eine törichte Frau bist! Wo hast du nur deinen Verstand gehabt?
Dümmer hättest du es gar nicht anfangen können!

Der König aber ging in seinem Zimmer auf und ab, rieb sich die Hände und sagte:
"Es ist doch ein wahres Glück, daß meine Frau keine Pfeffernüsse backen kann!
Was hätte ich sonst erwidern sollen, als sie mir vorwarf, daß ich das Brummeisen
nicht zu spielen verstünde?!"

Nachdem er dies wenigstens drei- oder viermal wiederholt hatte, wurde er immer
vergnügter. Er fing an, seine Lieblingsmelodie zu pfeifen, besah sich dann das
große Bild der Königin, welches in seinem Zimmer hing, stieg auf einen Stuhl, um
mit dem Taschentuch einen Spinnenfaden abzuwischen, der der Königin gerade
über die Nase herabhing, und sagte endlich:

"Sie hat sich gewiß recht geärgert, die gute kleine Frau! Ich werde einmal sehen,
was sie macht!"

Darauf ging er zur Tür hinaus auf den langen Gang, auf welchen alle Zimmer
mündeten. Weil aber an diesem Tage alles verkehrt ging, so hatte der
Kammerdiener vergessen, die Lampen anzuzünden, obgleich es schon acht Uhr
abends und stockdunkel war.

Daher streckte der König die Hände vor sich, um sich nicht zu stoßen, und tappte
vorsichtig an der Wand hin. Plötzlich fühlte er etwas Weiches.

"Wer ist da?" fragte er.

"Ich bin es", antwortete die Königin.

"Was suchst du, mein Schatz?"

"Ich wollte dich um Verzeihung bitten", erwiderte die Königin, "weil ich dich so
gekränkt habe."

"Das brauchst du gar nicht!" sagte der König und fiel ihr um den Hals. "Ich habe
mehr Schuld als du und längst alles vergessen. Aber, weißt du, zwei Worte wollen
wir in unserem Königreiche bei Todesstrafe verbieten lassen, Brummeisen und - "

"Und Pfeffernüsse", fiel die Königin lachend ein, indem sie sich heimlich noch ein
paar Tränen aus den Augen wischte - und damit hat die Geschichte ein Ende.


Quelle: Richard von Volkmann-Leander, Träumereien an französischen Kaminen, Leipzig 1871, Nr. 6