Ein alter Herr, der viel reiste, besaß einen Koffer. Schön war der Koffer nicht, sondern grundhäßlich; denn er
war mit struppigem Seehundsfell überzogen und hatte eiserne B
aender und Ecken. In dem Fell aber waren
schon oft die Motten gewesen, und das eiserne Beschl
aege war stark verrostet, hatte auch mit der Zeit
manchen Buckel und manche Schmarre bekommen.

"Der kann was vertragen", sagten die Kofferträger, wenn sie ihn aus dem Wagen hoben. Bums! warfen sie
ihn hin, daß es krachte. Das war nun gerade nicht dazu angetan, die ohnedies schon üble Laune des alten
Koffers zu mildern. Mit seinen eisernen Ecken stieß und knuffte er jeden, der ihm in den Weg kam. "Ihr
braucht mir ja nicht zu nahe kommen", brummte er, wenn die andern Koffer, mit denen er zusammen reiste,
sich dar
ueber beklagten. "Ihr wollt euch doch bloß ansehn, wie struppig ich bin."

Aber der Herr, dem der Koffer geh
oerte, war ein Sonderling. Wenn er zu Haus war, musste der Koffer stets
in seiner Stube unter dem vergoldeten Spiegel stehen, obgleich es recht komisch aussah: der alte,
h
aessliche Koffer in der sonst ganz huebschen, gemuetlichen Stube. Und wenn er reiste und irgendwo
einkehrte, war es stets das erste, da
ss er sich den Koffer bringen und neben sein Bett stellen liess.

"Es wird wohl Geld im Koffer sein!" meinten die Leute, "weil er ihn gar nicht aus den Augen l
aesst."

Doch in diesem Punkte waren sie v
oellig auf dem Holzwege. Etwas darin war schon; aber Geld? Nein, Geld am
allerwenigsten!

War nun der alte Herr ganz allein in der Stube, so dr
ueckte er auf eine geheime Feder. Schwupp! sprang der
Koffer auf, und was war darin? Ein vollst
aendig verschlossener, prachtvoller Kasten mit rotem Samt
beschlagen und mit goldenen Tressen und Schn
ueren besetzt.

Sobald jemand anderes in die Stube eintrat, schnapp! schlug der Deckel zu.

Doch das Dienstmädchen des alten Herrn war sehr schlau. Einmal lie
ss sie die Schuhe vor der Tuere stehen
und schlich ganz leise in Str
uempfen bis an den Koffer hin, der gerade offenstand.

Sie war schon ganz dicht daneben, und als sie es so rot und golden im Koffer blinken sah, verga
ss sie sich
und rief: "Herrgott, der alte Koffer ist ja wohl inwendig ganz h
uebsch!" Da merkte der Koffer, dass jemand
Fremdes da sei. Schnapp! schlug er mit Gewalt zu und h
aette ihr beinahe den Finger abgeklemmt; denn sie
wollte eben hineingreifen, um sich zu
ueberzeugen, ob es wirklich Samt und weich waere.

"Pfui!" sagte sie erschrocken, "was ist das f
uer ein alter, garstiger Koffer; mit dem darf man sich gar nicht
einlassen!" Wenn sie später jemand nach dem Koffer fragte, mit dem der Herr so geheim tue, und ob nicht
irgend etwas Besonderes daran sei, erwiderte sie, es sei gar nichts an dem alten Koffer und darin noch
weniger. Jeder Mensch habe seine Eigenheiten, besonders was alte, unverheiratete Leute seien. Ihr Herr
habe nun einmal sein Herz an den alten struppigen Koffer geh
aengt; weiter sei es nichts.

Aber es war doch etwas Besonderes in dem Koffer. Denn zuweilen riegelte der alte Herr vorsichtig s
aemtliche
Zimmert
ueren zu, drueckte auf die geheime Feder, so daß der Deckel aufsprang, horchte dann noch einmal,
ob alles drau
ssen still waere, und wenn er niemanden hoerte, hob er den roten Samtkasten aus dem Koffer
heraus und setzte ihn vor sich auf den Tisch. Darauf dr
ueckte er auf eine zweite verborgene Feder am
Kasten, und der rote Samtdeckel sprang auch auf.

Und was war darin?

Unglaublich, aber wahr! Eine ganz niedliche kleine M
aerchenprinzessin mit zwei langen Zoepfen hinten
herunter und roten Hackenschuhen. Sie sprang auch sofort mit gleichen Beinen aus dem Kasten heraus,
setzte sich darauf und lie
ss die Beine baumeln - und das machte sie so reizend - und fing dann an, die
allerh
uebschesten Maerchen zu erzaehlen.

Und der alte Herr sa
ss im Lehnstuhl und hoerte ihr aufmerksam zu. -

Eines Tages, als sie eben mit Erz
aehlen fertig war, sagte sie: "Ich habe dir nun schon so viele huebsche
M
aerchen erzaehlt; ich glaube, du vergisst sie immer wieder. Kannst du sie nicht aufschreiben?"

"O ja", antwortete der alte Herr, "aufschreiben k
oennte ich sie schon, wenigstens so einigermassen und
freilich bei weitem nicht so h
uebsch, als du sie erzaehlst; aber es darf niemand wissen, woher ich sie weiss,
und besonders nicht, da
ss du in dem alten Koffer steckst. Denn ich muss dich ganz allein haben. Sonst
kommen gleich alle Leute und wollen dich besehen und tapsen dich mit ihren ungeschickten Fingern an. Der
Samt am Kasten würde auch bald schlecht werden."

"Nein, um Gottes willen!" entgegnete die kleine M
aerchenprinzessin. "Aber wundern wuerden sich die Leute
doch, wenn sie w
uessten, wer in dem alten Koffer steckt."

Und dann lachte sie.

"Still!" sagte auf einmal der alte Herr, "es klopft jemand an der T
uere. Kriech rasch wieder in den Kasten."
Sodann trug er eilig den Kasten in den Koffer. Schnapp! schlug der Deckel mit Seehundsfell zu, und als das
Dienstm
aedchen - denn sie war es - hereinkam und den Tee brachte, stand der alte Koffer wieder ganz
m
uerrisch und struppig unter dem Spiegel. Als sie an ihm vorbeiging, gab sie ihm heimlich, und ohne dass
der alte Herr es merkte, einen Fu
sstritt und murmelte: "Alter garstiger Koffer, gestern hast du mir beinahe
den Finger abgeklemmt."


Quelle: Richard von Volkmann-Leander, Träumereien an französischen Kaminen, Leipzig 1871, Nr. 22

Der alte Koffer
von
Richard von Volkmann-Leander