Der verrostete Ritter
von
Richard von Volkmann-Leander
Ein sehr reicher und vornehmer Ritter lebte in Saus und Braus und war stolz und hart gegen die Armen.
Deshalb liess ihn Gott zur Strafe auf der einen Seite verrosten. Der linke Arm verrostete und das linke
Bein; ebenso der Leib bis zur Mitte. Nur das Gesicht blieb frei. Da zog der Ritter an die linke Hand einen
Handschuh, ließ ihn sich am Handgelenk fest zunaehen und legte ihn Tag und Nacht nicht ab, damit
niemand saehe, wie sehr er verrostet sei. Darauf ging er in sich und versuchte einen neuen Lebenswandel
anzufangen. Er entliess seine alten Freunde und Zechgenossen und nahm sich eine schoene und fromme
Frau. Diesselbe hatte wohl manches Schlimme von dem Ritter gehoert, aber weil sein Gesicht gut
geblieben war, glaubte sie es, wenn sie allein war und darueber nachdachte, nur halb, und wenn er bei ihr
war und freundlich mit ihr sprach, gar nicht. Darum nahm sie ihn doch. Nach der Hochzeit aber, in der
ersten Nacht, merkte sie es, warum er niemals den Handschuh von der linken Hand abzog, und erschrak
heftig. Sie ließ sich jedoch nichts merken, sondern sagte am andern Morgen zu ihrem Manne, sie wolle in
den Wald gehen, um in einer kleinen Kapelle, die dort stand, zu beten. Neben der Kapelle aber befand sich
eine Klause, in der lebte ein alter Eremit, der hatte frueher lange in Jerusalem gelebt und war so heilig,
dass die Leute von weit und breit zu ihm wallfahrteten. Den gedachte sie um Rat zu fragen.

Als sie nun dem Eremiten alles erzaehlt hatte, ging er in die Kapelle, betete dort lange zur Jungfrau Maria
und sagte dann, als er wieder herauskam: "Du kannst deinen Mann noch erloesen, aber es ist schwer.
Faengst du es an und bringst es nicht zu Ende, so musst du selbst auch verrosten. Viel Unrecht hat dein
Mann sein Lebtag getan, und stolz und hart gegen die Armen ist er gewesen: willst du für ihn betteln
gehen, barfuss und in Lumpen wie das alleraermste Bettlerweib, so lange, bis du hundert Goldgulden
erbettelt hast, so ist dein Mann erloest. Dann nimm ihn an der Hand, gehe mit ihm in die Kirche und lege
die hundert Goldgulden in das Kirchbecken für die Armen. Wenn du das tust, so wird Gott deinem Manne
seine Suenden vergeben, der Rost wird abgehen, und er wird wieder so weiss werden wie zuvor."

"Das will ich tun", sagte die Ritterfrau, "und wenn es mir noch so schwer werden wird und es noch so
lange dauert. Ich will meinen Mann erloesen, denn er ist nur auswendig verrostet, das glaube ich ganz
sicher!"

Darauf ging sie fort, tief in den Wald hinein, und nicht lange, so begegnete ihr ein altes Muetterchen,
welches Reisig suchte. Es hatte einen zerlumpten, schmutzigen Rock an und darüber einen Mantel, der
war aus ebenso vielen Flecken zusammengesetzt wie weiland das Heilige Römische Reich; was aber die
Flicken frueher für eine Farbe gehabt, das konnte man kaum mehr sehen, denn Regen und Sonnenschein
hatten schon viel Arbeit mit dem Mantel gehabt.

"Willst du mir deinen Rock und deinen Mantel geben, alte Mutter", sagte die Ritterfrau, "so schenk ich dir
alles Geld, was ich in der Tasche habe, und meine seidnen Kleider noch dazu; denn ich moechte gern arm
sein."

Da sah die alte Frau sie verwundert an und sprach: "Will's schon tun, will's schon tun, mein blankes
Toechterchen, wenn's dein Ernst ist. Hab' schon viel gesehen auf der Welt, auch viele Leute gefunden, die
gern reich werden wollten, daß aber jemand gern arm werden will, das ist mir noch nicht vorgekommen.
Wird dir schlecht schmecken mit deinen seidenen Haendchen und deinem suessen Fraetzchen!"

Aber die Ritterfrau hatte schon begonnen sich auszuziehen und sah dabei so ernst und so traurig aus,
dass die Alte wohl merkte, dass sie keinen Scherz treibe. Sie reichte ihr also Rock und Mantel hin, half ihr
sie anlegen und fragte dann:

"Was willst du nun tun, mein blankes Toechterchen?"

"Betteln, Mutter!" antwortete die Ritterfrau.

"Betteln? Nun, graeme dich nicht darum, das ist keine Schande. An der Himmelstür wird's auch mancher
tun muessen, der's hier unten nicht gelernt hat. - Aber das Bettellied will ich dich erst noch lehren:

Betteln und lungern,
Dursten und hungern
Immerdar, allezeit
Muessen wir Bettelleut'!

Habt ihr was, schenkt mir was,
Ach, nur ein Haeppchen!
Brot in den Bettelsack,
Suppe ins Naepfchen! -

Lederne Ranzen,
Roecke mit Fransen
Tragen wir Bettelleut'!
- Was man erbettelt hat,
Wird verjuchheit!

Nicht wahr, ein huebsches Lied?" sagte die Alte. Damit warf sie sich die seidnen Kleider um, sprang in den
Busch und war bald verschwunden.

Die Ritterfrau aber wanderte durch den Wald, und nach einiger Zeit begegnete ihr ein Bauer, der war
ausgegangen, eine Magd zu suchen, denn es war um die Ernte und Leutenot. Da blieb die Ritterfrau
stehen, hielt die Hand hin und sagte: "Habt ihr was, schenkt mir was, ach, nur ein Haeppchen!" Aber die
anderen Verse sagte sie nicht, weil sie ihr nicht gefielen. Der Bauer sah sich die Frau an, und da er fand,
dass sie trotz ihrer Lumpen schmuck und gesund war, fragte er sie, ob sie nicht bei ihm Magd werden
wolle.

"Ich schenke dir zu Ostern einen Kuchen, zu Martini eine Gans und zu Weihnachten einen Taler und ein
neues Kleid. Bist du damit zufrieden?"

"Nein", erwiderte die Ritterfrau, "ich muss betteln gehen, der liebe Gott will es so haben."

Darueber wurde der Bauer zornig, schimpfte und schmaehte und sagte hoehnisch:

"Der liebe Gott will's so haben? He? Du hast wohl mit ihm zu Mittag gegessen? Was? Linsen mit
Bratwürsten, nicht wahr? Oder bist du vielleicht seine Muhme, dass du so genau weißt, was er will? Eine
faule Haut bist du. Gut für den Knuettel, zu schlecht für den Buettel!" Darauf ging er seiner Wege, liess
sie stehen und gab ihr nichts. Da merkte die Ritterfrau wohl, daß das Betteln schwer sei.

Sie ging jedoch weiter, und nach abermals einiger Zeit kam sie an eine Stelle, wo die Strasse sich teilte
und zwei Steine standen. Auf dem einen sass ein Bettler mit einer Kruecke. Da sie nun muede geworden
war, gedachte sie sich eine kurze Zeit auf den leeren Stein zu setzen, um auszuruhen. Kaum hatte sie
jedoch dies getan, als der Bettler mit der Kruecke nach ihr schlug und ihr zurief:

"Mach, dass du fortkommst, du liederliche Liese! Willst du mir mit deinen Lumpen und deinem
zuckersueßen Gesicht die Kundschaft abzwicken? Die Ecke hier habe ich gepachtet. Mach flink, sonst sollst
du sehen, was mein Krueckholz für ein schöner Fiedebogen ist und dein Ruecken für eine naerrische
Geige!"

Da seufzte die Ritterfrau, stand auf und ging so weit, als sie die Fuesse tragen wollten. Endlich kam sie in
eine grosse fremde Stadt. Hier blieb sie, setzte sich an den Kirchweg und bettelte; und nachts schlief sie
auf den Kirchenstufen. So lebte sie tagaus, tagein, und es schenkte ihr der eine einen Pfennig und der
andere einen Heller; manche aber auch gaben ihr nichts oder schimpften gar, wie es der Bauer getan
hatte. Es ging aber sehr langsam mit den hundert Goldgulden. Denn als sie drei Vierteljahre gebettelt
hatte, hatte sie erst einen Gulden erspart. Und genau wie der erste Gulden voll war, gebar sie einen
wunderschoenen Knaben, den nannte sie "Docherloest", weil sie hoffte, daß sie ihren Mann doch noch
erlösen würde. Sie riss sich von ihrem Mantel unten einen Streifen ab, eine gute Elle breit, so daß der
Mantel nur noch bis an die Knie reichte, wickelte das Kind hinein, nahm es auf den Schoss und bettelte
weiter. Und wenn das Kind nicht schlafen wollte, wiegte sie es und sang:

"Schlaf ein auf meinem Schosse,
Du armes Bettelkind,
Dein Vater wohnt im Schlosse -
Und draußen weht der Wind.

Er geht in Samt und Seide,
Trinkt Wein, isst weisses Brot,
Und saeh er so uns beide,
So haermt er sich zu Tod.

Er braucht sich nicht zu haermen,
Du liegst ja weich und warm;
Er ist ja noch viel ärmer,
Daß Gott sich sein erbarm'!"

Da blieben oft die Leute stehen und besahen sich die arme junge Bettelfrau mit dem wunder-schoenen
Kinde und schenkten ihr mehr als frueher. Sie aber war getrost und weinte nicht mehr, denn sie wusste,
dass sie ihren Mann gewiss erloesen wuerde, wenn sie nur ausharrte. -

Als aber die Frau nicht wieder zurueckkehrte, ward der Ritter auf seinem Schlosse tief betrübt, denn er
sagte sich: Sie hat alles gemerkt und dich deshalb verlassen. Er ging zuerst in den Wald zu dem Eremiten,
um zu hoeren, ob sie in der Kapelle gewesen sei und dort gebetet habe. Aber der Eremit war sehr kurz
angebunden und streng gegen ihn und sagte:

"Hast du nicht in Saus und Braus gelebt? Bist du nicht stolz und hart gegen die Armen gewesen? Hat dich
nicht der liebe Gott zur Strafe verrosten lassen? Deine Frau hat ganz recht getan, wenn sie dich verliess.
Man muss nicht einen guten und einen faulen Apfel in einen Kasten legen, sonst wird der gute auch faul!"

Da setzte sich der Ritter auf die Erde, nahm den Helm ab und weinte bitterlich.

Als der Eremit dies gewahr wurde, ward er freundlicher und sprach: "Da ich sehe, dass dein Herz noch
nicht mitverrostet ist, so will ich dir raten: tue Gutes und gehe in alle Kirchen, so wirst du deine Frau
wiederfinden."

Da verliess der Ritter sein Schloss und ritt in alle Welt. Wo er Arme fand, schenkte er ihnen etwas, und
wenn er eine Kirche sah, ging er hinein und betete. Aber seine Frau fand er nicht. So war fast ein Jahr
vergangen, da kam er auch in die Stadt, wo seine Frau am Kirchweg sass und bettelte, und sein erster
Weg war in die Kirche. Schon von weitem erkannte ihn die Frau, denn er war gross und stattlich und trug
einen goldnen Helm mit einer Geierklaue auf dem Knauf, der weithin leuchtete. Da erschrak sie, denn sie
hatte erst zwei Goldgulden zusammen, so dass sie ihn noch nicht erlösen konnte. Sie zog sich den Mantel
tief über den Kopf, damit er sie nicht erkennen sollte, und kauerte sich so eng zusammen, als sie irgend
konnte, damit er nicht ihre schneeweissen Fuesse sähe; denn der Mantel ging ihr nur bis an die Knie, seit
sie den Streifen für das Kind abgerissen hatte. Als aber der Ritter an ihr vorbeischritt, hörte er sie leise
schluchzen, und als er ihren zerlumpten und geflickten Mantel sah und das wunderschoene Kind auf ihrem
Schoss, welches ebenfalls nur in Lumpen gewickelt war, tat es ihm in der Seele weh. Er trat an sie heran
und fragte sie, was ihr fehle. Doch die Frau antwortete nicht und schluchzte nur noch mehr, so sehr sie
sich auch Muehe gab, es zu verbeissen. Da zog der Ritter seine Geldtasche hervor, in der viel mehr waren
als hundert Goldgulden, legte sie ihr auf den Schoss und sagte: "Ich gebe dir alles, was ich noch habe,
und sollte ich mich nach Hause betteln."

Da fiel der Frau, ohne dass sie es wollte, der Mantel vom Kopf herunter, und der Ritter sah, dass es sein
eigenes, angetrautes Eheweib war, der er das Geld geschenkt hatte. Trotz der Lumpen fiel er ihr um den
Hals und kuesste sie, und als er vernahm, daß das Kind sein Sohn war, herzte und kuesste er es auch.
Doch die Frau nahm ihren Mann, den Ritter, an der Hand, fuehrte ihn in die Kirche und legte das Geld auf
das Kirchbecken. Dann sagte sie: "Ich wollte dich erloesen, aber du hast dich selbst erloest."

Und so war es auch; denn als der Ritter aus der Kirche trat, war der Fluch gehoben und der Rost, der
seine ganze linke Seite bedeckte, verschwunden. Er hob seine Frau mit dem Kinde auf sein Pferd, ging
selbst zu Fuss daneben und zog mit ihr zurueck in sein Schloss, wo er lange Jahre gluecklich mit ihr lebte
und so viel Gutes tat, dass ihn alle Leute lobten.

Die Bettlerlumpen aber, die seine Frau getragen hatte, hing er in einen kostbaren Schrein, und jeden
Morgen, wenn er aufgestanden war, ging er an den Schrein, besah sich die Lumpen und sagte: "Das ist
meine Morgenandacht, die nimmt mir der liebe Gott nicht uebel, denn er weiss, wie ich's meine, und ich
gehe nachher doch noch in die Kirche."

Quelle: Richard von Volkmann-Leander, Traeumereien an franzoesischen Kaminen, Leipzig 1871, Nr. 5