Die Alte-Weiber Muehle
von
Richard von Volkmann-Leander
Bei Apolda in Thueringen liegt die Alte-Weiber-Muehle. Sie sieht ungefaehr
aus wie eine grosse Kaffeemuehle, nur dass nicht oben gedreht wird,
sondern unten. Unten stehen naemlich zwei grosse Balken heraus, die von
zwei Knechten angefasst werden, um mit ihnen die Muehle zu drehen. Oben
werden die alten Weiber hineingetan; faltig und bucklig, ohne Haare und
Zaehne, und unten kommen sie jung wieder heraus: schmuck und rotbackig
wie die Borstaepfel. Mit einem Male Umdrehen ist's gemacht; knack und
krach geht es, dass es einem durch Mark und Bein faehrt. Wenn man aber
die, welche herauskommen und wieder jung geworden sind, fragt, ob es
nicht erschrecklich weh tue, antworten sie: "Lieber gar! Wunderschoen ist
es! Ungefaehr so, wie wenn man frueh aufwacht, gut ausgeschlafen ist und
die Sonne ins Zimmer scheint, und draussen singen die Voegel, und die
Baeume rauschen, und man sich dann noch einmal im Bett ordentlich dehnt
und reckt. Da knackt's auch zuweilen."

Sehr weit von Apolda wohnte einmal eine alte Frau; die hatte auch davon
gehoert. Da sie nun sehr gern jung gewesen war, entschloss sie sich eines
Tages kurz und machte sich auf den Weg. Es ging zwar langsam; sie
musste oft stehenbleiben und husten, aber mit der Zeit kam sie doch
vorwaerts, und endlich langte sie richtig vor der Muehle an.

"Ich moechte wieder jung werden und mich ummahlen lassen", sagte sie zu
einem der Knechte, der, die Haende in den Hosentaschen, vor der Muehle
auf der Bank sass und aus seiner Pfeife Ringel in die blaue Luft blies. "Du
lieber Gott, was das Apolda weit ist!"

"Wie heisst Ihr denn?" fragte der Knecht gaehnend.

"Die alte Mutter Klapprothen!"

"Setzt Euch solange auf die Bank, Mutter Klapprothen", sagte der Knecht,
ging in die Muehle, schlug ein grosses Buch auf und kam mit einem langen
Zettel wieder heraus.

"Ist wohl die Rechnung, mein Juengelchen?" fragte die Alte.

"I bewahre!" erwiderte der Knecht. "Das Ummahlen kostet nichts. Aber Ihr
muesst zuvor das hier unterschreiben!"

"Unterschreiben?" wiederholte die alte Frau. "Wohl meine arme Seele dem
Teufel verschreiben? Nein! das tue ich nicht! Ich bin eine fromme Frau und
hoffe, einmal in den Himmel zu kommen."

"Ist nicht so schlimm!" lachte der Knecht. "Auf dem Zettel stehen bloss alle
Torheiten verzeichnet, die Ihr in Eurem ganzen Leben begangen habt, und
zwar ganz genau der Reihe nach, mit Zeit und Stunde. Ehe Ihr Euch
ummahlen lasst, muesst Ihr Euch verpflichten, wenn Ihr nun wieder jung
geworden seid, alle die Torheiten noch einmal zu machen, und zwar ganz
genau in derselben Reihenfolge, justement wie's auf dem Zettel steht!"

Darauf besah er den Zettel und sagte schmunzelnd: "Freilich ein bisschen
viel, Mutter Klapprothen, ein bisschen viel! Vom sechzehnten bis zum
sechsundzwanzigsten Lebensjahre taeglich eine, sonntags zwei. Nachher
wird's besser. Aber im Anfang der Vierziger, der Tausend, da kommt's noch
einmal dicke! Zuletzt ist's wie gewoehnlich!"

Da seufzte die Alte und sagte: "Aber Kinder, dann lohnt es sich ja gar nicht,
sich ummahlen zu lassen!"

"Freilich, freilich", entgegnete der Knecht, "für die meisten lohnt sich's nicht!
Darum haben wie eben gute Zeit; sieben Feiertage die Woche, und die
Muehle steht immer still, zumal seit den letzten Jahren. Frueher war schon
das Geschaeft etwas lebhafter."

"Ist es denn nicht moeglich, wenigstens etwas auf dem Zettel
auszustreichen?" fragte die Alte noch einmal und streichelte dem Knechte
die Backen. "Bloss drei Sachen, mein Juengelchen, alles andere will ich, wenn
es denn einmal sein muss, noch einmal machen."

"Nein", antwortete der Knecht, "das ist platterdings unmoeglich. Entweder -
oder!"

"Nehmt nur Euren Zettel wieder", sagte darauf die alte Frau nach einigem
Besinnen, "ich habe die Lust an Euerer dummen alten Muehle verloren!" und
machte sich auf den Heimweg.

Als sie aber zu Hause ankam und die Leute sie verwundert ansahen und
sagten: "Aber Mutter Klapprothen, Ihr kommt ja gerade so alt wieder, als
Ihr fortgegangen seid! Es ist wohl nichts mit der Muehle?" hustete sie und
antwortete: "O ja, es ist wohl etwas daran; aber ich hatte zu grosse Angst,
und dann - was hat man denn an dem bisschen Leben? Du lieber Gott!"

Quelle: Richard von Volkmann-Leander, Träumereien an französischen Kaminen, Leipzig 1871,
Nr. 13