Mein Fluss


O Fluss, mein Fluss im Morgenstrahl!
Empfange nun, empfange
Den sehnsuchtsvollen Leib einmal,
Und kuesse Brust und Wange!
— Er fuehlt mir schon herauf die Brust,
Er kuehlt mit Liebesschauerlust
Und jauchzendem Gesange.

Es schluepft der goldne Sonnenschein
In Tropfen an mir nieder,
Die Woge wieget aus und ein
Die hingegebnen Glieder;
Die Arme hab ich ausgespannt,
Sie kommt auf mich herzu gerannt,
Sie fasst und laesst mich wieder.

Du murmelst so, mein Fluss, warum?
Du traegst seit alten Tagen
Ein seltsam Maerchen mit dir um,
Und muehst dich, es zu sagen;
Du eilst so sehr und laeufst so sehr,
Als muesstest du im Land umher,
Man weiss nicht wen, drum fragen.

Der Himmel, blau und kinderrein,
Worin die Wellen singen,
Der Himmel ist die Seele dein:
O lass mich ihn durchdringen!
Ich tauche mich mit Geist und Sinn
Durch die vertiefte Blaeue hin,
Und kann sie nicht erschwingen!

Was ist so tief, so tief wie sie?
Die Liebe nur alleine.
Sie wird nicht satt und saettigt nie
Mit ihrem Wechselscheine.
—Schwill an, mein Fluss, und hebe dich!
Mit Grausen übergiesse mich!
Mein Leben um das deine!

Du weisest schmeichelnd mich zurueck
Zu deiner Blumenschwelle.
So trage denn allein dein Glueck,
Und wieg auf deiner Welle
Der Sonne Pracht, des Mondes Ruh:
Nach tausend Irren kehrest du
Zur ewgen Mutterquelle!



Eduard Moerike 1828


My River


O river, my river radiant in morning light!
Draw me to yourself, draw me close
This body replete with longing,
And kiss my cheeks and breast!
— I feel you now along my chest,
Chilling me with keen love-desire
And rapturous songs of joy.

The golden sunshine slides
In droplets off my skin,
My obedient limbs sway
Back and forth in swelling water;
My arms have I spread out,
A wave comes rushing toward me,
Enfolds me, lets me go free.

I hear you murmur, my river, but why?
Since the beginning you have borne
A wondrous legend
alone,
And you take pains to tell it;
You swirl and flow with such vigor,
As if you had need to ask everywhere,
One knows not whom, what it is.

The sky, blue and pure,
Wherein I hear the waves singing,
The sky is your very soul:
O let me enter into it!
Mind and senses I would submerge
In the dark blue depths,
But to no avail my
futile attempts!

What is as deep as
it is?
Love and love alone.
Love is never sated, never wholly satisfies
With its many-sided outward signs.
—Swell on, my river, and rise!
Let the terror of your waters flood over me!
My life for yours!

Wheedling you send me back,  
To your flowery banks.
So now bear your bliss alone,
And let ride on your waves
The sun's brightness, the calm of the moon:
After straying long enough you will return
To the eternal mother-source!



Translation: Charles L. Cingolani        Copyright © 2013
. . . . . The repeated attempt of the romantic to fuse with nature . . .